Wie hilft Retrofit bei Siemens-Obsoleszenz?

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Patrik Schlegel
Patrik Schlegel
Inhaber & CEO, SF Elektro-Engineering AG · Flums
Zuletzt geprüft: 18. September 2026

Das Wichtigste zuerst

Abgekündigte Siemens-Komponenten führen nicht sofort zum Anlagenstillstand, sie machen die Reparatur im Störungsfall aber deutlich schwerer planbar. Das eigentliche Risiko entsteht, wenn Originalersatzteile auslaufen und nur noch Drittanbieter oder Gebrauchtteile infrage kommen. Retrofit setzt genau dort an, indem es Steuerung, Antrieb, HMI und Softwarestand rechtzeitig auf eine aktuelle Plattform bringt.

Viele Anlagen laufen mechanisch noch tadellos, während Steuerung, Antrieb oder Bedienpanel bereits aus einer nicht mehr produzierten Baureihe stammen. Genau diese Lücke zwischen funktionierender Mechanik und veralteter Automatisierung ist in der Praxis der Punkt, an dem wir bei SF Elektro-Engineering AG den grössten Handlungsbedarf sehen.

Was bedeutet die Abkündigung von Siemens-Komponenten?

Siemens arbeitet mit klaren Lebenszyklusphasen wie P.M400, P.M410, P.M490 und P.M500. Für die Praxis heisst das: Ein Produkt ist erst noch bestellbar, dann nur noch als Ersatzteil erhältlich und später vollständig am Lebensende. Bei passiven Produkten bzw. Ersatzteilen nennt Siemens in der Regel zehn Jahre Verfügbarkeit ab Auslaufmeldung, bei PC-basierten Produkten fünf Jahre.

10 JahreVerfügbarkeit von Ersatzteilen für passive Produkte nach Auslaufmeldung
5 JahreVerfügbarkeit von Ersatzteilen für PC-basierte Produkte nach Auslaufmeldung
rund 1 JahrZeit bis zur Marktrücknahme nach P.M400 bzw. bis zum Lebensende nach P.M490

Siemens

Welche Siemens-Baureihen sind besonders betroffen?

BereichBaureiheStatusEmpfohlener Nachfolger
SteuerungSIMATIC S5Abgekündigt seit 30.09.2020, Produktions- und Reparaturende bestätigtSIMATIC S7-Familie, schrittweise Ablösung
SteuerungSIMATIC S7-300 / ET 200MAbkündigungsankündigung wirksam 01.10.2023, Marktrücknahme wirksam 01.10.2025SIMATIC S7-1500, ET 200MP/SP
SteuerungSIMATIC S7-400, zentrale BaugruppenAbkündigung einzelner Zentralbaugruppen bestätigt, Plattform als Ganzes läuft dank S7-410 weiterSIMATIC S7-1500
AntriebstechnikSIMOVERT MASTERDRIVESAbkündigung bestätigt, Datum je nach Quelle unterschiedlichSINAMICS S120, G130/G150, G120
AntriebstechnikMICROMASTER 420 / 430 / 440Abkündigung bestätigt, exaktes Datum nicht öffentlich verifiziertSINAMICS G120C, G120P, G120
Visualisierung / HMISIMATIC MP 377, OP 77B, TP/OP 177, TP/OP 277, MP 177/277Sammel-Abkündigung erfasst, Marktdaten nennen Ankündigung 09/2012 und Bestellschluss 10/2014Comfort- oder Unified-Comfort-Panels, Einzelfallprüfung
Visualisierung / HMIKTP Basic Panels, 1. GenerationMarktdaten nennen Abkündigung 10/2016, Ersatzteilverfügbarkeit bis 2026KTP Basic Panels, 2. Generation
Überblick über abgekündigte Schlüsselkomponenten und mögliche Nachfolger

Aus unserer Praxis zeigt sich immer wieder: Die grösste Gefahr ist nicht die Abkündigung selbst, sondern die verzögerte Reaktion darauf. Wenn Softwarestände fehlen, Hardwarekonfigurationen nicht dokumentiert sind oder ein Panel nie sauber zurückgesichert wurde, verlängert sich die Wiederherstellung im Ernstfall zusätzlich.

Warum wird Obsoleszenz zum Verfügbarkeits-Risiko?

Solange Originalersatzteile verfügbar sind, lässt sich ein Defekt meist noch planbar beheben. Läuft diese Frist aus, muss im Störungsfall oft auf Drittanbieter oder den Gebrauchtmarkt ausgewichen werden, und genau dort entstehen unklare Liefer- und Prüfzeiten. Das macht die Reparatur nicht nur langsamer, sondern vor allem schwerer kalkulierbar.

Hinzu kommt, dass bei abgekündigten Steuerungen und Panels häufig auch der vollständige Softwarestand fehlt. Ohne aktuelle Programme, Konfigurationen und Revisionsstände wird aus einer technischen Reparatur schnell ein Such- und Rekonstruktionsprojekt.

Worauf Betreiber früh achten sollten

Wer den Lebenszyklus-Status seiner Schlüsselkomponenten kennt und den Software- sowie Hardware-Stand rechtzeitig sichert, kann einen Retrofit vor dem Ausfall planen. Das reduziert das Risiko ungeplanter Stillstände und verhindert, dass aus einer geplanten Modernisierung ein Notfall wird.

Wie läuft ein Retrofit bei Siemens-Anlagen ab?

Wir bei SF Elektro-Engineering AG gehen bei einem Retrofit-Projekt in vier Schritten vor. Dabei kombinieren wir Analyse, Technologieauswahl, Programmierung und Inbetriebnahme so, dass der spätere Stillstand möglichst kurz bleibt.

  1. Analyse des Ist-Zustands mit Lebenszyklus-Status, vorhandenen Unterlagen sowie Software-, Hardware- und Verdrahtungsstand.
  2. Auswahl der Nachfolgetechnologie, zum Beispiel S7-1500 statt S7-300 oder S7-400 sowie aktuelle SINAMICS- und HMI-Plattformen.
  3. Programmierung und Test mit Anpassung der Sicherheitsfunktionen an heutige Normen.
  4. Umbau und Inbetriebnahme vor Ort nach abgeschlossener Vorbereitung.

Wichtig ist dabei: Eine Migration ist selten nur ein Software-Tausch. Bei Steuerungen müssen CPU-Typ, Zusatzmodule und sicherheitsrelevante Bausteine oft manuell nachgeführt werden. Bei Bedienpanels ist meist ein Geräteaustausch nötig, und die Bildschirmseiten werden anschliessend geprüft oder teilweise neu aufgebaut.

Was bringt Retrofit für die Maschinensicherheit?

Ein Retrofit ist nicht nur eine Reaktion auf Abkündigung, sondern auch eine Chance, die Maschinensicherheit auf den heutigen Stand zu bringen. Gerade bei älteren Anlagen lassen sich Sicherheitsfunktionen und Dokumentation im Zuge der Modernisierung sauber nachziehen. So entsteht aus einer reinen Ersatzmassnahme ein echter Zukunftsschritt für die Produktionsanlage.

Häufige Fragen

Muss eine abgekündigte Siemens-Komponente sofort ersetzt werden?
Nein, nicht automatisch. Solange Ersatzteile und Support verfügbar sind, lässt sich ein Ausfall oft noch planbar beheben. Kritisch wird es erst, wenn die Verfügbarkeitsfrist endet und nur noch unklare Beschaffungswege bleiben.
Warum reicht es nicht, einfach ein Ersatzteil zu kaufen?
Weil bei älteren Anlagen oft mehr fehlt als nur die Hardware. Wenn Softwarestände, Konfigurationen oder Revisionsunterlagen nicht vorhanden sind, kann selbst ein neues Teil nicht schnell und sauber in Betrieb gehen.
Kann man beim Retrofit jede Siemens-Anlage 1:1 auf eine neue Plattform bringen?
Nicht in jedem Fall. Bei Steuerungen und HMI-Systemen braucht es je nach Baureihe eine Einzelfallprüfung, weil CPU, Zusatzmodule, Sicherheitsfunktionen und Bedienoberflächen unterschiedlich migriert werden. Deshalb planen wir den Umbau immer auf Basis des konkreten Anlagenstands.
Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Retrofit?
Am besten vor dem ungeplanten Ausfall. Wer den Lebenszyklus-Status der Schlüsselkomponenten kennt und die vorhandenen Unterlagen sichert, kann die Modernisierung geordnet vorbereiten, statt unter Zeitdruck zu reagieren.

Ob SIMATIC S5, S7-300, MASTERDRIVES, MICROMASTER oder ältere HMI-Baureihen, das Muster bleibt gleich: Nach der von Siemens definierten Frist endet die reguläre Ersatzteilversorgung, und das Risiko für die Anlagenverfügbarkeit steigt. Wer seine Anlage rechtzeitig bewertet, schafft Planungssicherheit und kann den Übergang auf aktuelle Technik kontrolliert umsetzen.

Gerade bei Retrofit-Projekten ist es sinnvoll, den Lebenszyklus-Status nicht erst im Störungsfall zu prüfen. SF Elektro-Engineering AG begleitet Maschinenbauer und Anlagenbetreiber von der Bestandsaufnahme über die Technologieauswahl bis zur Inbetriebnahme und hilft so, die Verfügbarkeit langfristig zu sichern.

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